TEMPI PASSATI
Die Realschule Katzenelnbogen in der Anfangszeit


Um sich ein Bild von den damaligen Schulverhältnissen machen zu können, ist ein ergänzender Textbeitrag unentbehrlich. Zunächst muss gesagt werden, dass die baulichen Verhältnisse im Gebäude auf dem Römerberg gegenüber heutigem Standard äußerst bescheiden waren. Eine Turnhalle gab es ebenso wenig wie eine Aula. Sportunterricht oder festliche Veranstaltungen fanden in "Biehls Saal" statt, der noch mit Holz und Kohle beheizt, besser gesagt temperiert wurde. Das Lehrpersonal der Realschule bestand 1960 aus gerade einmal zwei Lehrern. Die Ausstattung mit Lehrmaterial war dürftig. Für den Chemie-Unterricht hatte jede(r) Schüler(in) ein Mini-Labor in Form eines mit den notwendigsten Utensilien gefüllten Schuhkartons für Schülerversuche in Partnerarbeit und sogar einen weißen Kittel.



Taschenrechner waren noch unbekannt. Man arbeitete noch mit dem Rechenschieber. An Computer, Videokameras, Smartphones, Beamer und Whiteboards dachte noch keiner. Das Wort "video" war allenfalls den Lateinern als "ich sehe" geläufig.


Der Rechenschieber (Rechenstab) "ARISTO SCHOLAR"

© Foto mit freundlicher Genehmigung von GEOtec

Die Schulbücher mit ihren wenigen monotonen Schwarz-Weiß-Bildern (Buntdruck hatte sich gerade erst angebahnt) waren nicht gerade motivierend, aber sie hatten die heute oft fehlende Systematik. Fortsetzungsgeschichten, Erzählkerne und Texte zum Leseverständnis im Deutschunterricht waren unbekannt. Im Englischunterricht gab es kein Listening- und Reading-Comprehension. Was aber sowohl im Deutsch- als auch im Englischunterricht gepflegt wurde, war die heute wegen mangelnder Eigenkreativität verpönte Nacherzählung (Retold). Bei ihr wurde aber immerhin das Gedächtnis trainiert. In den Englischbüchern fand sich am Ende jeder Lektion ein Übersetzungstext vom Deutschen ins Englische (Translation). Rechtschreibschwächen gab es nur in Einzelfällen, weil im Deutschunterricht wie auch im Fach Englisch genügend Diktate (Dictations) mit orthographisch nicht gerade einfachen Texten geschrieben wurden. Lehrpläne (Curricula) und Schulbücher wechselten nicht ständig; es ging kontinuierlicher zu.
Der Schulalltag war grau, was angeblich auch heute noch gelegentlich an Schulen vorkommen soll. Er begann morgens mit dem Aufstellen ("Antreten") auf dem Schulhof. Dabei achtete vor allem unser erster Klassenlehrer sehr darauf, dass alle genau ausgerichtet dastanden. Alles Gerede und jede Albernheit hatte nun ein Ende. Man sollte sich auf den beginnenden Unterricht konzentrieren. Eine kleine Gruppe von Schülern, zu denen auch ich gehörte, war nicht immer früh genug zum Aufstellen anwesend. Wir hörten die Schulklingel schon, als wir noch im sog. Oale (Fußweg zwischen Obertalstraße und Römerberg, siehe Foto) waren. Um einer Strafarbeit zu entgehen, hielten wir uns hinter dem Trafo-Häuschen versteckt, bis alle anderen ins Schulgebäude marschiert waren. Dann flitzten wir in geduckter Haltung an der Außenwand der Schule entlang zur Schultür, die bis zum Bau der Stadthalle weiter hinten war, und mischten uns -meist unbemerkt- unter das Gedränge der noch im Flur und Treppenhaus befindlichen Mitschüler. Das Abenteuer war gelungen.

De Oale (Katzenelnbogener Dialekt)
Beim "Oale" handelt es sich um die abkürzende Verbindung zwischen Römerberg und Obertalstraße.


Englisch, Biologie und Erdkunde

Nach Gebet und Verlesen der Tageslosung begann unser Klassenlehrer, bei dem wir auch Biologie und Erdkunde hatten, seinen ritualisierten Englischunterricht mit den Worten "Good morning, boys and girls!", worauf wir entgegnen mussten "Good morning, Sir". Nach dem "Sit down, please!" folgte die obligatorische Frage "Who is absent today?". Anschließend hörte man die Aufforderung "Open your books on page..., please!" Der eigentliche Unterricht konnte beginnen. Eine für ihn wichtige Frage bezüglich des Schülerverhaltens war die manchmal peinliche Frage "What are you laughing at?", die nicht selten eine häusliche Zusatzaufgabe zur Folge hatte. Aber Sonderaufgaben gab es auch in anderen Zusammenhängen. Ich erinnere mich noch gut an eine solche mit der Überschrift "Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land". Grund dafür war die Tatsache, dass ich nicht gegrüßt hatte. Eine Klassenkameradin erzählte mir noch kürzlich, dass sie vom damaligen ersten Schulleiter am nächsten Tag in der Schule darauf angesprochen wurde, dass sie ihn am Vortag zwar freundlich gegrüßt hätte, aber mit Händen in der Manteltasche, was nicht korrekt sei.
Im Biologie- wie auch im Erdkundeunterricht sorgte unser Klassenlehrer immer dreifach für Anschaulichkeit, nämlich durch Wort, Gestik und FWU-Medien (Dias und Unterrichtsfilme des "Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht").


FWU
Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht



Das alte FWU - Logo
Das FWU produzierte früher Dia-Reihen und Filme, stellte aber auch Schallplatten und Tonbänder zur Verfügung, die von den Landes-, Kreis- und Stadtbildstellen für jeweils 1 - 2 Wochen ausgeliehen werden konnten. Die verfügbaren Medien waren in dem jährlich erscheinenden Katalog "Film - Bild - Ton" nach Fächern aufgelistet. In den 50-er bis 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die Filme des FWU eine Art Kino in der Schule, die den ansonsten oft trocken verlaufenden Unterricht nachhaltig belebten. Die Schüler waren wie gierig nach solchen Vorführungen, die im verdunkelten Raum stattfanden, was die Assoziation mit dem Kino noch verstärkte. Hin und wieder kam es vor, dass ein Film riss, was die Freude etwas trübte. Waren es in den 50-er Jahren noch vorwiegend schwarz-weiße Filme (teilweise nur Stummfilme) kamen aber bald Farbproduktionen hinzu. Den größten Umfang (audio)visueller Medien gab es im Grundschulbereich für den Sachunterricht und im Sekundarbereich für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geschichte. In der Grundschule besonders beliebte Filme waren "Quick, das Eichhörnchen" (1951) und die farbigen Pamfi-Stummfilme zur Verkehrserziehung, die das FWU in Zusammenarbeit mit der Deutschen Verkehrswacht produzierte.
Heute besteht das Angebot des FWU in DVDs und [interaktiven] Online-Medien.
© Fotos mit freundlicher Genehmigung von FWU

Original-Filmrolle in Plastikbox
mit vierminütigem Pamfi-Film
Bei der Vorführung der 16 mm-Filme war während des Abspielens stets das charakteristische Geräusch "drdrdrdrdrdrdr" zu hören. Das nahm man aber gerne in Kauf, wenn die Schule zum Kino wurde.


Pamfi will über die Straße
Pamfi an der Druckknopf-Ampel


Pamfi auf der Landstraße
© Friedrich Streich

Bei der Jagd nach einem Schmetterling kommt Pamfi an eine Landstraße. Der Fahrtwind des Autos reißt Pamfi zweimal den Hut vom Kopf. Dann hält er seinen Hut fest und schaut ständig nach hinten, um zu sehen, ob sich ein Fahrzeug nähert. Schließlich merkt er, dass er auf der falschen Straßenseite geht. Lernziel: Links gehen, Gefahr sehen


Die alle um 1970 entstandenen 16 mm-Pamfi-Farbfilme des FWU mit einer durchschnittlichen Länge von vier Minuten begeisterten die damaligen Grundschulkinder (1. und 2. Schuljahr) nicht nur, sie motivierten sie auch auf amüsante Weise, verkehrssicheres Verhalten zu erlernen und das dank der ansprechenden Trickfigur namens Pamfi. Heute würde man von kindgemäßem Infotainment sprechen. Im Jahr 2000 erschienen die Filme noch einmal auf VHS-Cassetten. Als Begleitmaterial zu den Filmen gab es in Zusammenarbeit mit dem FWU eine von den Sparkassen und der Deutschen Verkehrswacht herausgegebene "Arbeitsmappe für den Verkehrsunterricht in der Grundschule", bei der jeweils auf der linken Seite ein Lückentext zu der auf der rechten Seite bildlich dargestellten Verkehrssituation zum Ausfüllen abgedruckt war sowie eine Sprachübung wie z.B. das Zusammensetzen von Wörtern oder das Zuordnen von Bild und Wort. Die Verkehrssituationen waren zur weiteren Motivation und gleichzeitigen Vertiefung des Erlernten bewusst nur als Umriss-Zeichnungen zu sehen, damit die Kinder diese noch mit Buntstiften ausmalen konnten.

Bilder aus dieser Arbeitsmappe für den Verkehrsunterricht in der Grundschule nach der Film-Serie des FWU:

Szene aus "Pamfi will über die Straße"
© Friedrich Streich
Bei dem Film "Pamfi will über die Straße" versucht Pamfi zunächst vergeblich eine vielbefahrene Straße zu überqueren, um zu einem Eisverkäufer auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu kommen. Erst nachdem er gegen das Verkehrsschild mit dem Zebrastreifen gelaufen ist, kommt ihm die Erleuchtung, dass er am Zebrastreifen ungefährdet die Fahrbahn überqueren kann.


Szene aus "Pamfi schaut nach links und rechts"
© Friedrich Streich
Bei dem Film "Pamfi schaut nach links und rechts" wird Pamfi von beiden Verkehrsströmen in der Mitte der Fahrbahn eingeschlossen und bekommt es mit der Angst zu tun. Er sieht einen kleinen Jungen in gleicher Situation, der in Ruhe den fließenden Verkehr beobachtet. Der Junge nutzt jeweils eine Verkehrslücke auf einer Fahrbahnseite aus und kann so den gegenüberliegenden Gehweg erreichen. Pamfi hat dabei gelernt, dass er zunächst den von links kommenden Verkehr und bei Erreichen der Fahrbahnmitte die von rechts kommenden Fahrzeuge beobachten muss.

Die Titel der Filme:

- Pamfi will über die Straße
- Pamfi schaut nach links und rechts
-
Pamfi an der Druckknopfampel
- Pamfi am Zebrastreifen
- Pamfi auf der Landstraße
- Pamfi passt nicht auf (Pamfi lässt sich durch ein Zirkusplakat ablenken und prallt mit Passanten zusammen.)
- Pamfi und die Schülerlotsen

Da es sich bei allen Filmen um Stummfilme handelte, wurde die jeweilige Gefahrensituation im Film durch Abdunkelung für den Betrachter kenntlich gemacht. Wenn Pamfi die Erleuchtung kam, wuchs ihm auf seinem Hut eine große Blume.

Sämtliche Pamfi-Filme stammen von dem talentierten Zeichentrickfilmer Friedrich Streich, der 1934 in Zürich geboren wurde und 2014 in München gestorben ist. Er hatte eine Ausbildung zum Dramaturgen und Regisseur und arbeitete zunächst als Schauspieler sowie als Karikaturist für verschiedene Zeitungen, ehe er sich ganz der Zeichentrickproduktion zuwandte. Besonders bekannt wurde er durch die Trickfilme für die Sendung mit der Maus, deren Bewegungen durch besondere Geräusche akustisch treffend untermalt wurden. Der Maus fügte er später noch einen kleinen blauen Elefanten und eine gelbe Ente hinzu.

P.S.: Am 4.12.2019 hat der amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Maus einen "Mausverdienstorden", den es eigentlich nicht gibt, verliehen, um ihr damit zu danken, dass sie über Jahrzehnte (seit 1971) unzählige Fragen von Kindern und Jugendlichen beantwortet hat. Er verrät zudem, dass Elefanten seine Lieblingstiere seien, besonders die kleinen blauen. Zeitgleich erhielt der Moderator der Sendung mit der Maus, Ralph Caspers, den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.


Alle im Unterricht vorkommenden Fremdwörter -insbesondere die aus der lateinischen oder griechischen Sprache stammenden- wurden intensiv auf ihre deutsche Bedeutung hin analysiert, z.B. das griechische Wort "Gymnosperme" (gymnós = nackt, spérma = Same) botanischer Begriff für die Nacktsamer.
An seinen bereitgestellten Anschauungsobjekten mussten wir vorbei"defilieren". Vom Metzger bereitgestellte Ochsenaugen wurden "seziert". Die von ihm sehr geschätzten Skizzen, Umriss-Stempel und die aus dem Erdkundebuch abzuzeichnenden Blockbilder (z.B. Landschaftsquerschnitte) wurden "koloriert".

Westermanns Umriss-Stempel
Westermann-Umrisse 32 0215: Europa, 1:30 Mill.
Westermann-Umrisse 19901: Die Erde, Äquatorial-Maßstab 1:175 000 000
© Foto mit freundlicher Genehmigung des Schulbuchverlags Westermann


Namen von Mitschülern wurden latinisiert. Aus Karl-Heinz wurde beispielsweise Carolus Henricus. Im Biologie-Unterricht widmete er sich leidenschaftlich der Hydrokultur. Die Funktion des Herzmuskels versuchte er durch entsprechende Gestik und den Unterrichtsfilm "Das Klappenspiel des Ochsenherzens" darzustellen, was bei uns Schülern -für ihn unverständlich- nur Gekicher auslöste. Die störenden Schüler wurden dann zumindest durch den schrillen Zuruf "He, was fällt dir denn ein?" in ihrem Spaß gestört. Eine Inhaltsangabe zum Thema des Films bescherte mir die Vorführung des Streifens "Bei den Torfstechern im Teufelsmoor". Schuld an meiner Verhaltensauffälligkeit war aber nicht der Film als solcher, sondern nur das extrem schnelle Tempo (Zeitraffer), mit dem er vorgeführt wurde. Unser Klassenlehrer hatte seinem lateinischen Leitspruch "repetitio est mater studiorum" [Wiederholung ist die Mutter der Studien] treu bleibend wieder einmal so viel Zeit für die Wiederholung des Stoffes der vorhergegangenen Unterrichtsstunde benötigt, dass für die audiovisuelle Vertiefung nur noch wenige Minuten zur Verfügung standen. Den Zeitverlust verstand er aber geschickt zu kompensieren, indem eben der Film in rasantem Tempo vorgeführt wurde. Reichte die höchste Geschwindigkeit nicht aus, gab es ja noch die Pause, die -wie auch beim Diktat seitenlanger Merktexte- den erwünschten Ausgleich brachte. An die große Zeit der bequemen Hektographie mittels Matrize oder später der Fotokopie dachte man noch nicht. Einige Standardwörter, die den deutschsprachigen Unterricht bei ihm kennzeichneten, waren "papperlapapp" (wenn etwas falsch war) und "Ach, du liebe Zeit". Die spannendsten Stunden mit dem größten Nervenkitzel waren die Erdkunde- und Biologiestunden in den Wochen vor der Zeugnisausgabe; denn sie galten der Generalwiederholung, deren krönender Abschluss eine gesalzene Wiederholungsarbeit war, die den Stoff des ganzen Schuljahres umfasste und auf die wir uns zwei, drei Wochen lang tüchtig vorbereiteten. Der große Tag kam, die Arbeit wurde unter Aufbietung aller geistigen Kräfte geschrieben, doch ihre Rückgabe ließ auf sich warten. Es folgten viele Tage der inneren Unruhe, bis dann irgendwann das mit Spannung erwartete Ergebnis bekanntgegeben wurde. "So einen Quark habe ich noch nicht gesehen", war der entrüstete Lehrerkommentar. Fielen Arbeiten gar zu schlecht aus, verzögerte sich die Rückgabe immer mehr, bis sie eines Tages ganz in Vergessenheit geraten waren. Aber die gewünschte Wirkung -nämlich das häusliche Wiederholen- war voll erreicht.

Chemie, Mathematik, Physik - HARD TIMES (in Anlehnung an Charles Dickens)

Nach Englisch, Erdkunde und Biologie nun einen Blick in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Um diesen Bereich anschaulich schildern zu können, ist nur die Vergegenwärtigung eines Wochentags, nämlich des Donnerstags notwendig, der vor allem für die auf diesem Gebiet nicht so Begabten ein Tag des Grauens war. An jenem Wochentag hatten wir -stundenplanmäßig wenig sinnvoll- zwei Stunden Physik, zwei Stunden Mathematik und eine Stunde Chemie hintereinander mit unserem Mathematiklehrer. Der Tag musste nicht per se grausam werden; aber überwiegend war er leider so. Schon beim Antreten auf dem Schulhof kurz vor Unterrichtsbeginn konnten wir seine Tageslaune ablesen. Man tuschelte sich noch zu "Bestimmt hatte er daheim wieder Ärger!", und schon ging's hinein ins Schulgebäude. Wir waren bereits im Chemie-/Physikraum, als unser Mathematiklehrer -das obligatorische Taschentuch vor der Nase haltend (vermutlich wegen eines allergischen Schnupfens)- zackig die Tür öffnete und wieder schloss. Schon flog die auffallend dünne Mappe, die er bei sich trug, in hohem Bogen meterweit auf das Pult. Nach einem sehr knappen "Guten Morgen!" [hoffentlich wurde es einer] und "Setzen!" nahmen wir in Erwartung dessen, was kommen sollte, mit schlotternden Knien Platz. Fünfmal fünfundvierzig Minuten standen bevor - und die konnten lang werden! Zunächst wurde der aufgegebene Physikstoff abgefragt. Meist wurden zwei, drei Kandidaten gleichzeitig mündlich geprüft. Wusste der eine etwas nicht, war der zweite, ggf. der dritte an der Reihe. Kritisch wurde es, wenn alle drei nicht den Anforderungen genügten. Dann hieß es: "Setzen, fünf!" Andere wurden examiniert. Die ganze Klasse stand unter Hochspannung, bis ein(e) Schüler(in) in der Lage war, die erwartete Antwort zu geben. Dann war die Situation gerettet. Gelang dies aber nicht, stand uns nach einigen physikalischen Versuchen und dem Aufschreiben eines Merktextes noch ein impulsiver Mathematikunterricht bevor. Er begann natürlich wieder mit mündlichen Prüfungen. Konnte einer den Merksatz der Mathematikstunde vom Vortag nicht herunterschnurren, dann hatte er zur Einprägung das Vergnügen, ihn nachmittags etliche Male schreiben zu dürfen. Wurde es diesem Lehrer zu bunt, schrieben wir spontan eine Mathematikarbeit, die oft noch am gleichen Vormittag von ihm nachgesehen wurde. Es hieß nur: "Hefte raus und Mappen hoch (um das Abschreiben zu verhindern)!", und schon nach kurzer Zeit standen Aufgaben an der Tafel, die wir zu rechnen hatten. Beim Anfertigen geometrischer Zeichnungen wie auch bei anderen schriftlichen Aufgaben legte er gesteigerten Wert auf "vernünftige" Lineale, waren sie nicht seinen Vorstellungen entsprechend, flogen sie aus dem Fenster. In der zweiten Mathematikstunde sah er bereits die inzwischen abgelieferten Hefte nach, während wir mit einer anspruchsvollen Stillarbeit beschäftigt waren, die jedoch nicht immer still verlief, da sie hin und wieder durch verbale Randbemerkungen zu unseren abgegebenen Arbeiten unterbrochen wurde. Am Ende der zweiten Mathematikstunde erfuhren wir unsre "guten" Zensuren, und die Hausaufgabe war die Berichtigung, häufiger wahrscheinlich die Abschrift. In der fünften Stunde -der Chemiestunde- war dann das meiste Pulver verschossen. Der Blutdruck sank bei allen Beteiligten. Die sechste Stunde -bei mir Französisch- diente schließlich der völligen Entspannung.
Auch im Sportunterricht, den wir beim gleichen Lehrer hatten, wurden große Leistungen erwartet, sei es im Geräteturnen (damals noch in "Biehls Saal"), in Leichtathletik (auf dem Sportplatz am Marktplatz) oder im Schwimmen, das damals noch kein Breitensport wie heute war. Insofern standen auch viele von uns damaligen Schülern dem Wasser, das bekanntlich keine Balken hat, skeptisch gegenüber. Aber bei unserem Sportlehrer hatten in ziemlich kurzer Zeit die meisten das Schwimmen gelernt, wenn auch jegliche Motivation dazu fehlte. Ins Wasser zu springen wagten schließlich auch etliche und die, die sich noch nicht so recht trauten, wurden gesprungen, wenn Sie wissen, was damit gemeint ist*. So waren bald die meisten zumindest im Besitz eines Freischwimmerzeugnisses

*Vom Verb "springen" gibt es grammatikalisch gesehen keine Passiv-Form.

Deutsch, Geschichte und Sozialkunde

Nachdem wir nun von zwei Lehrkräften der Anfangszeit gehört haben, soll nun auch der dritte Lehrer, nämlich der für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde nicht vergessen werden, der sich aber gelegentlich auch auf musikalischem Feld betätigte. Sein Standardausdruck nach der morgendlichen Begrüßung war "Platzen!" (statt "Setzt euch!"). Sein Steckenpferd im Deutschunterricht waren Aufsätze, insbesondere die Erörterung (Argumentation). Wie eminent wichtig er Aufsätze nahm, zeigte sich vor allem an den ellenlangen rot geschriebenen Kommentaren, die unter allen Aufsätzen standen, um die Note zu begründen. Im Geschichtsunterricht machte er immer große Ausführungen; mit Akribie erklärte er die Hintergründe und unterschied bei historischen Ereignissen sehr genau zwischen Anlässen, Ursachen und Gründen. Diese Differenzierung fiel uns bei Geschichtsarbeiten besonders schwer. Nicht alle waren von dem, was er vorn hingebungsvoll von sich gab, fasziniert. Manche interessierten andere Dinge. So entsinne ich mich beispielsweise daran, dass einmal an seiner Jacke zwei Knöpfe verschiedenfarbig angenäht waren. Das war für einige eine willkommene Ablenkung. Zwei Mädchen machten sich mit der flüsternden Bemerkung "Mal sehen, wie lange er es aushält!" aus, dass das erste lange auf den einen, das zweite auf den anderen Knopf starren sollte, um den Pädagogen in Verlegenheit zu bringen. Aber eisern wie er war, zeigte er keine Regung, und die beiden Schülerinnen hatten sich vergeblich auf eine Explosion gefreut. Die Jungen vertrieben sich bei ihm gelegentlich die Zeit mit dem Zählen des von ihm so oft gebrauchten "Nun!" (u als kurzer Vokal). Es wurden Strichlisten geführt, und einmal ist dieses Wörtchen in einer Unterrichtsstunde wohl an die fünfzigmal gefallen. Nicht immer blieben wir bei solchen Aktionen geistiger Abwesenheit unertappt. Wurde ein Desinteressierter erwischt, gab es ein Kopfnüsschen oder ein Stundenprotokoll zur Belohnung.

Der Schulleiter

Er war - seiner körperlichen Konstitution entsprechend- im Allgemeinen ein ruhiger Vertreter, der oft sinnierend aus dem Fenster schaute, aber dabei gleichzeitig unterrichtete. Als Leiter des Posaunenchores der Kirchengemeinde Klingelbach interessierte er sich natürlich stark für kirchliche Fragen, weshalb er beim Betreten eines Katzenelnbogner Lokals einmal von einem furchtlosen Mitschüler in ironischer Weise mit "Herr Pfarrer" angeredet wurde. Der Jugendliche war offenbar weitsichtig, denn der Schulleiter verließ einige Zeit später die Schule, um in Darmstadt Oberkirchenrat zu werden. In der Adventszeit fragte er in seiner Klasse, welche Advents- und Weihnachtslieder die Schüler kennen würden. Rolf murmelte seinem Nachbarn zu: "Mein Hut der hat drei Ecken". Da der Rektor diese Äußerung mitbekommen hatte, gab es ein gewaltiges Donnerwetter hinsichtlich dieses blasphemischen Scherzes und das geplante für die Eltern gedachte Krippenspiel in Biehls Saal wurde kurzerhand abgesagt.
Ein anderes Mal waren nur die Mädchen der ersten an dieser Realschule bestehenden Klasse in ihrem Klassenraum. Aus Übermut hielten sie mit Hilfe einer aus mehreren Mädchen gebildeten Kette den vermeintlich draußen befindlichen Jungen die Klassenzimmertür von innen zu. An der äußeren Türklinke wurde geruckt und gezerrt. Aber auf einmal ließ das Rucken nach. Nur noch einmal zog einer am Drücker und die Schülerin Irmtraud rief: "Ihr könnt noch lange ziehen, ihr Arschlöcher!" Da das Zerren an der Tür plötzlich aufgehört hatte und es draußen verdächtig still wurde, meinte Irmtraud: "Die werden doch nicht den Rektor holen!" Zaghaft öffnete sie die Tür einen Spaltbreit. Und wer stand vor ihr? Nicht die Jungen, sondern der Schulleiter. Es folgten mehrere Entschuldigungen ihrerseits und der Rektor riet ihr, sich in Zukunft vorher zu vergewissern, wer vor der Tür sei. Das Ganze war also noch glimpflich ausgegangen.


Klassenfahrten - Erlebnisse besonderer Art

Klassenfahrt nach Frankfurt um 1960

Besichtigung der Saalburg bei Bad Homburg


Im Frankfurter Zoo unter Anleitung von Lehrer Karl Heinz Scholl


Auf dem damals noch bescheidenen Frankfurter Flughafen
mit dem Schild "Rasen nicht betreten"

Von den Klassenfahrten, die wir während der sechsjährigen Realschulzeit machten, soll hier nur das Interessanteste dargestellt werden. Drei Fahrten werden in ewiger Erinnerung bleiben: die Fahrt Mainz - Worms - Speyer, die erste Englandfahrt der Realschule Katzenelnbogen und die Berlinfahrt.

Irgendwelchen Trouble gab's bei solchen Exkursionen immer. Beginnen wir mit der erstgenannten Fahrt.

Ostchor des Mainzer Doms St. Martin

Wir befanden uns im Bus, waren kurz vor unserem ersten Reiseziel "Mainz", und es ging recht lebhaft zu, was dem begleitenden Lehrpersonal nicht so gut gefiel. Plötzlich wurde Rainer nach vorn gerufen. Wir nahmen an, man wolle ihm etwas Besonderes sagen oder ihn etwas fragen, aber es kam anders. Es ging "patsch-patsch", und er durfte sich wieder hinten hinsetzen. Irmtraud fragte ihn in echtem Einricher Dialekt: "Woas hosst de da ibberhaapt gemoacht?" Rainers lapidare Antwort: "Waas ich's?" Irmtraud: "Da deet ich's doch soo." Rainer daraufhin: "Glaabst de, ich wellt noch aa geknallt hoo?" Offensichtlich hatte man den Falschen erwischt. Aber wie dem auch sei, die Fahrt ging weiter. Wir sahen uns die Sehenswürdigkeiten von Mainz an und erreichten irgendwann Worms, wo wir in der Jugendherberge übernachteten. Hier wurde unser Deutschlehrer einer Belastungsprobe unterzogen. Einige Schüler hatten sich einen Spaß daraus gemacht, heimlich die Ärmel seines Schlafanzugs zu verknoten, und er hatte am späten Abend Mühe sie auseinanderzuknoten. Nach der Besichtigung des Wormser Doms und anderer kultureller Stätten führte uns die Reise nach Speyer, wo wir erneut einen Dom bewundern durften. Von den vielen Eindrücken ermüdet, teils aufgekratzt traten wir bald die Rückfahrt an, die vermutlich auch nicht ohne Ausschreitungen verlief.

Foto der ersten zwei Realschulklassen vor der Wormser Jugendherberge


30. April 1964
Unter Führung von Bürgermeister und MdB Robert Stauch (rechts im Bild)
besucht die erste 10. Klasse das Bonner Bundeshaus


Erste Englandfahrt vom 20.7. - 4.8. 1964



20. Juli (Mo.)



Ausstieg in Koblenz

Abreise nach England. Nachmittags gegen 14.00 Uhr versammelten wir uns vor dem noch nicht abgerissenen Katzenelnbogener Bahnhof. Mit einem Bus wurden wir nach Koblenz gebracht. In Koblenz mussten wir fast zwei Stunden warten, bis der Zug um 17.30 Uhr endlich abfuhr.
Nach einem längeren Aufenthalt inj Köln wurde unser Wagen an den Fernschnellzug nach Ostende angehängt. Kurz nachdem wir Aachen verlassen hatten, erschienen deutsche
Zollbeamte und kontrollierten die Reisepässe. Gleich darauf erfolgte eine zweite Passkontrolle, dieses Mal von belgischen Beamten. Nach der langen Fahrt konnten wir um 23.45 Uhr in Ostende bei völliger Dunkelheit den Zug verlassen. Nach einer Zollkontrolle gingen wir an Bord des Schiffes. Mit gemischten Gefühlen sahen wir unserer ersten Seefahrt entgegen. Bei ruhiger See verlief die Überfahrt nach England ohne besondere Vorkommnisse.
Morgens um 4.15 Uhr legte das Fährschiff in Dover an. Nach einer erneuten Passkontrolle bestiegen wir den Boattrain, der uns nach London brachte. Am 21. Juli um ca. 7.00 Uhr erreichten wir schließlich Victoria-Station, London.

21. Juli (Di.)

Müde und erschöpft saßen wir auf unseren Koffern und warteten lange auf den Bus (rechts im Bild Frau Göbler), der uns zu unserer Jugendherberge "Peacehaven" brachte. Kurz nach 11.00 Uhr hatten wir die Herberge erreicht, wurden in Empfang genommen und bekamen unsere Zimmer zugewiesen. Wir waren so müde, dass wir gleich einmal einen mehr oder weniger kurzen Erholungsschlaf einlegten, bis es um 14.30 Uhr Essen gab. Bis zum Abendessen machten wir einen Bummel durch die unmittelbare Umgebung der Herberge. In der kommenden Nacht fielen alle in einen erholsamen Tiefschlaf.
22. Juli (Mi.)

Am nächsten Morgen standen wir um 7.00 Uhr auf und begaben uns nach dem Frühstück zur Untergrundstation in Acton, einem Vorort von London. Fahrziel mit der Underground (wegen des röhrenförmigen Aussehens von den Londonern auch Tube genannt) war Westminster. Dort angekommen stiegen wir aus und erblickten das Parlamentsgebäude mit weltberühmtem Big Ben und sahen Westminster Abbey. Jeder machte gleich einen Schnappschuss von dieser Sehenswürdigkeiten. Kurze Zeit später gingen wir die "Mall", eine berühmte Straße Londons, hinauf und erblickten bald Buckingham Palace, den Sitz der Queen bzw. des King, wo wir die jahrhundertealte Tradition von "Changing the Guard", der Wachablösung verfolgten. Beeindruckt waren wir von der Farbenpracht der roten Uniformen, den schwarzen Fellmützen und den Militärmärschen, die die Zeremonie akustisch begleiten.

23. Juli (Do.)



An diesem Tag stand die Besichtigung des am Themse-Ufer befindlichen Towers, in dem auch die Kronjuwelen aufbewahrt sind, mit darin ausgestellten Waffen und Rüstungen im Fokus des Interesses. (Der Tower diente vom Jahr 1101 bis zum Jahr 1941 als Gefängnis.) Nach dessen Besichtigung bestaunten wir die ebenfalls berühmte Tower Bridge, eine im neugotischen Stil errichtete Klappbrücke über die Themse.
Am gleichen Tag besichtigten wir noch den riesigen 111 m* hohen Kuppelbau der St. Paul's Cathedral. Über die Threadneedle Street erreichten wir das Gebäude der Bank of England und über die Fleet Street das Haus der Königinmutter.
* 111 m = 365 Fuß, einen Fuß für jeden Tag des Jahres
24. Juli (Fr.)
Letzter Tag in London. Besichtigung des Sciene Museum in der Exhibition Road.
Noch am selben Tag besichtigten wir das Wachsfigurenkabinett "Madame Tussauds", in dem lebensnah nachempfundene Wachsfiguren von berühmten Persönlichkeiten ausgestellt sind wie z.B. die Königsfamilie. Aber auch Schauspieler, Musiker, Sportler und Politiker gilt es zu bewundern.
25. Juli (Sa.)


Secondary Modern School in Roade
An diesem Morgen packten wir nach dem Kaffeetrinken unsere Koffer, weil wir die Weiterfahrt nach Roade antreten wollten. Schon bald kam ein Mr. Griffin mit einem Bus vorbei, um uns abzuholen. Gegen 14.00 Uhr erreichten wir Roade, wo wir von einer Gruppe von Lehrern und Schülern freundlich empfangen wurden. Darunter war auch der Leiter der Schule, Mr. Ford. Zwei Journalisten waren zugegen, interviewten Rektor Göbler und fotografierten uns, um am darauf folgenden Tag einen Artikel zu dem Schüleraustausch in der örtlichen Presse zu veröffentlichen. (Siehe obiges Foto!) Nach der Begrüßung wurden uns die Schulzimmer gezeigt und wir lernten unsere Brieffreunde kennen. Der Nachmittag stand zur freien Verfügung: Spaziergang durch Roade, Besuch bei Brieffreunden, Fußballspiel und mehr. Am Abend versammelten wir uns alle zum ersten Mal in der "Big Hall". Um 21.00 Uhr bekamen wir zum Tagesausklang von Mr. Sibley noch einen Film gezeigt.
26. Juli (So.)


An jenem Sonntagmorgen besuchten wir einen Gottesdienst in der Methodistenkirche. Nach dem Mittagessen um 12.00 Uhr kam gegen 13.00 Uhr Mr. Griffin, um uns mit dem Bus zu einem nahe gelegenen Zoo zu bringen. Besondere Attraktion war der Ritt auf einem Kamel. Um 18.00 Uhr kamen wir nach Roade zurück und hörten nach dem Abendessen in der Halle noch Schallplatten oder unterhielten uns mit unseren Brieffreunden.
Auf dem Foto ist links Lehrer Mr. Sibley zu sehen.

27. Juli (Mo.)

Frühsport in der Turnhalle.- Um 9.00 Uhr führte uns die Busfahrt nach Coventry, wo wir die alte ausgebombte Kathedrale und das neu erbaute moderne Gotteshaus sehen konnten.
Am Nachmittag fuhren wir nach Stratford-upon-Avon, um das Geburtshaus von William Shakespeare zu sehen. Zum Tagesabschluss fuhren wir noch zu den Malvern Hills.
28. Juli (Di.)

Frühsport mit anschließendem Frühstück, danach Fahrt zu einer Schuhfabrik, die nur Herrenschuhe herstellte. Danach wurden wir noch zu dem Wicksteed-Park gebracht, ein Freizeitpark mit Rutschbahnen, Schaukeln und Karussells. Auf dem kleinen innerhalb des Parks liegenden See konnte man eine kleine Bootsfahrt unternehmen. Auch eine Rundfahrt mit einer Miniatur-Eisenbahn war möglich.

29. Juli (Mi.)
Allmorgendliches Ritual. Fahrt nach Oxford mit Besichtigung der Kathedrale und der Colleges. Fahrt zum White Horse Hill in Oxfordshire.
30. Juli (Do.)
Um 8.00 Uhr Treffen in der Halle, um 10.00 Uhr Fahrt zur riesengroßen Winden Green Farm. Mittags Empfang von dem zuständigen englischen Schulrat namens Churchill mit üppiger Verköstigung. Nach dem Essen sprach er zu uns und unseren Lehrern. Herr Göbler bedankte sich für die Einladung, und einige von uns spielten unter der Leitung von Frau Göbler noch ein Flötenstück als Dankeschön.
31. Juli (Fr.)


Mein Reisegeschenk: Wedgwood-Blumenvase
Motiv: Apoll und Psyche

Nach dem Frühstück bahnten wir uns unseren Weg durch Felder und Gestrüpp zum Grand Union Canal. Dieser Kanal ist der Wasserweg von London nach Birmingham. In einem an dem Kanal gelegenen kleinen Ort besichtigten wir das Waterways Museum.
Nach hastig eingenommenem Mittagessen fuhren wir mit einem Doppeldecker-Bus nach Northampton, wobei verständlicherweise alle im oberen Stockwerk Platz nehmen wollten. In Northampton angekommen kauften wir alle Reisegeschenke für Eltern und Geschwister.

1. August (Sa.)

Social Evening in der Big Hall


Nach dem gemeinsamen Frühstück erwarteten uns unsere englischen Brieffreunde, um uns mit zu sich nach Hause in ihr Elternhaus zu nehmen.
Am Abend fand in der Big Hall eine kleine Party statt. In der Halle standen auf langen Tischen Unmengen von Leckereien, und auch für Getränke war reichlich gesorgt. An diesem "social evening" lernten wir verschiedene in England beliebte Wettspiele kennen. Nach einem gemeinsamen Lied verließen uns die Brieffreunde, und wir gingen gegen 23.30 Uhr auf unsere Schlafzimmer.
2. August (So.)
Ausnahmsweise mal ohne Frühsport! Um 9.30 Uhr holte uns Mr. Griffin mit dem Bus ab und brachte uns zunächst nach Maidenhead. Dort bestiegen wir um 12.00 Uhr ein Boot, und die geplante Fahrt auf der Themse konnte beginnen. Bald erblickten wir in der Ferne Schloss Windsor. Um 14.00 Uhr legten wir am Ufer an. Jetzt war sich jeder selbst überlassen. Einige besichtigten das Schloss, die weniger Wissbegierigen ruhten sich im Park aus. Um 17.00 Uhr ging es zurück nach Roade, wo wir abends Filme über die Landschaft Wales zu sehen bekamen.
3. August (Mo.)
An diesem Morgen fand ein Korbballspiel zwischen den Jungen und Mädchen unserer Realschule statt, bei dem die Mädchen unterlagen, aber in fairer Art und Weise die Niederlage gelassen hinnahmen.
Wer nicht von seinem Brieffreund abgeholt worden war, fuhr nachmittags mit dem Bus nach Northampton, um sich dort auf der "Northampton Show" zu amüsieren.
4. August (Di.)
Abreise von Roade in Richtung Heimat

Die Dokumentation ist noch nicht abgeschlossen.
Weitere bzw. andere Fotos folgen zu einem späteren Zeitpunkt !

Die erste Englandfahrt, die die Realschule Katzenelnbogen vom 20. 7. bis 30. 7. 1964 durchführte, war für uns in mancherlei Hinsicht erlebnisreich, nicht nur kulturell. Nach vier Tagen London-Aufenthalt kamen wir in Roade an, wo wir in der Secondary School untergebracht waren. Da wir deutschen Schüler bei den Engländern einen guten Eindruck hinterlassen sollten, achteten die uns begleitenden Lehrer auf fast militärisch strenge Disziplin und auf Höflichkeit. Irmtraud als Klassensprecherin musste sich immer wieder formvollendet bei den Engländern im Namen der Klasse bedanken, was sie "gerne" tat. Zum Ritual gehörte auch der morgendliche Frühsport mit anschließendem Duschen. Danach wurde gefrühstückt, um dann gut gestärkt in geschlossener Formation Besichtigungen durchzuführen. Einen wirklich freien Ausgang gab es nicht. Nach den "social evenings" -gelegentlich unter Einbezug der kleinen Katzenelnbogener Flötengruppe- war dann für alle Bettruhe angeordnet, und das Licht wurde ausgeschaltet. Damit nun die Schüler nicht noch im Dunkeln Unfug trieben, wurde der zuverlässige Deutschlehrer auf Patrouillengang geschickt. Als guter Detektiv spähte er überall herum, um zu kontrollieren, ob sich nicht doch noch irgendwo etwas regte oder bewegte. Einmal hatte er Glück und entdeckte im Jungen-Schlafsaal welche, die noch im Dunkeln mit Hilfe von Taschenlampen aktiv waren. Einige hatten für "Notfälle" Dosenbier unter den Betten versteckt gehalten. Diese "Asozialen" wurden mit der Strafarbeit "Disziplin in der Gemeinschaft" belohnt. An einem anderen Tag gab Klaus-Peter etwas von den Englischkenntnissen unseres Deutschlehrers zum Besten. Lauthals gab er von sich: "Beim Kaffee seet der immer "coffee black". Er hatte nicht bemerkt, dass besagter Lehrer inzwischen den Raum betreten hatte. Dieser war gerade guter Laune und meinte nur: "Gleich geht's bei dir "peng black"." Man könnte noch manches von dieser Reise erzählen, aber ich will mich mit dem Schildern einer Situation im Kölner Bahnhof bei einem Zwischenaufenthalt auf der Rückfahrt begnügen. Alle standen dicht gedrängt, hungrig und durstig da und wollten einen Imbiss zu sich nehmen. Rainer rief deutlich vernehmbar über die Theke rüber: "Eine Heiße, bitte!" Prompt hatte er sie, und zwar noch vor unserem Schulleiter, der über Rainers Impertinenz, nicht dem Rektor den Vortritt zu lassen, empört war und dies auch in Worten zum Ausdruck brachte.


8. März 1965: Ausflug zur Zonengrenze
Rechts im Bild Rektor Göbler und Dr. Wolfgang Schaefer


Von der Abschlussfahrt nach Berlin ist uns noch ein Ereignis in lebendiger Erinnerung, nämlich der Verlust zweier Schüler im Frankfurter Hauptbahnhof.
Wir befanden uns schon alle auf der Rückfahrt von Frankfurt nach Wiesbaden, als unsere Lehrer plötzlich feststellten, dass zwei Schüler in Frankfurt geblieben sein mussten. Eine große Panik setzte ein. Dieter und Wolfgang H., die beiden Vermissten, waren in Frankfurt guten Glaubens gewesen, es handele sich um den Wiesbadener Bahnhof, weshalb sie sich dort nach draußen begeben hatten, um vor dem Bahnhof in den für uns bereitgestellten Bus einzusteigen. Als sie draußen waren, bemerkten sie, dass sie sich getäuscht hatten und eilten an den Bahnsteig zurück, aber der Zug war bereits abgefahren. Weltgewandt wie sie waren, nahmen sie den nächsten Zug nach Wiesbaden, der einige Zeit später fuhr. Zufälligerweise waren Dieters Eltern an diesem Tag im Wiesbadener Theater und konnten, nachdem sie verständigt waren, die beiden mit nach Katzenelnbogen nehmen. Dort angekommen machten sich die zwei gleich auf den Weg, um sich noch zu später Stunde bei unserem Deutschlehrer für ihr Zurückbleiben zu entschuldigen. Er soll nur erwidert haben: "Das wird noch ein böses Ende nehmen." Ganz unrecht hatte er nicht; das Ereignis kam einem mittleren Erdbeben im Einrich gleich. Es folgten lange Verhöre in der Schule, und das Thema wurde noch lange als Anknüpfungspunkt benutzt.
Eine kleinere eintägige Fahrt kommt mir gerade noch in den Sinn - die Exkursion zum Kloster Eberbach. Der Führer des Klosters hielt seinen Vortrag in einem wirklich monoton leiernden Tonfall, was bei uns eine heitere Stimmung hervorrief, die sich in Kichern äußerte. Diese Unbeherrschtheit gefiel unseren Pädagogen absolut nicht. Konsequenz war eine Strafarbeit über die Ernsthaftigkeit eines Klosterbesuchs.


Schlussbemerkungen

Wie sehr sich die Zeiten im Vergleich zu den 60-er Jahren allgemein und schulisch gesehen verändert haben, weiß jeder. Auf die seinerzeit ausgesprochen autoritäre Erziehung folgte die antiautoritäre Welle, die in der Zwischenzeit zumindest teilweise wieder rückgängig gemacht wurde. Die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte. A.S. Neill (erster Schulleiter des engl. Internats Summerhill), auf den sich die antiautoritären Erzieher beriefen, hat selbst betont, dass Freiheit nicht mit Zügellosigkeit verwechselt werden dürfe. Ohne ein gewisses Maß an Disziplin ist Unterricht nicht möglich. Aber die Disziplinierungsmaßnahmen und der Unterrichtsstil dürfen nicht in eine kontraproduktive Furchtpädagogik umschlagen, bei der das Lernen nur mit ständigem Druck und Drill vonstattengeht, weil in diesem Fall jegliche Motivation etwas zu lernen auf der Strecke bleibt. Die 1959 gegründete Realschule Katzenelnbogen musste sich in der Anfangszeit gegenüber den umliegenden Realschulen profilieren, um dauerhaft bestehen zu können. Das ist ihr auch gelungen. Aber die Freude am naturwissenschaftlichen Unterricht (Mathematik, Physik, Chemie) und Sport ist durch die Art und Weise wie der Unterricht ablief, nämlich mit ständiger Angst etwas falsch zu machen und entsprechend bestraft bzw. benotet zu werden, bei den meisten Schülern dauerhaft verloren gegangen.


Abschlussfeier 1965 in "Bremsersch Sälche"
im damals noch stehenden Hotel Bremser

1. Reihe: ORR Blum, RPr Dr.Schmitt, Landrat Reinhard, Bgm. Stauch, Rektor Göbler
2. Reihe: Rektor Thauer und die Pfarrer
Original-Handschrift Günter Göbler


1. Reihe: Oberregierungsrat Blum, Regierungspräsident Schmitt, Landrat Reinhard
2. Reihe: Pfarrer Bamberger (ev.), Pfarrer Künkel (ev.) und Pfarrer Hannappel (kath.)


Der Vortrag des Schulchores unter der Leitung von Herrn Göbler
(am linken Bildrand seine dirigierende Hand)

Den Vorstellungen Herrn Göblers entsprechend, der ja kirchlich engagiert war,
sang der Chor die anspruchsvolle Choralmotette

"Lobe den Herren" von Hugo Distler

Damals war es nichts Außergewöhnliches, dass bei schulischen Feierlichkeiten geistliche Werke vorgetragen wurden, was heute wohl kaum noch vorkommt.

P.S.: Am Bad Neuenahrer Are-Gymnasium, das ich nach dem Realschulabschluss besuchte, sang der Chor der Oberstufe den Oberprimanern zum Abschluss "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" aus Haydns "Schöpfung" und "In te Domine speravi" aus Charpentiers Te Deum D-Dur.


Bei Charpentier und J. Neander erklingt sofort automatisch Musik !

Die Flötengruppe der Quinta
Beate Römer, Sabine von Richter, Ute Diehl, Ute Weis

Zeugnisausgabe

Irmtraud Groß
Rolf Meyer
Heidrun Roßwurm

 

Die Prominenz beim Plausch nach der Feier


Zum Abschluss gemütliches Beisammensein im Jagdzimmer des Hotels Bremser

Fotos: Karl Heinz Scholl





Das Lehrerkollegium im Jahr 1965
Von links nach rechts: Sigrun Schneider, Wolfgang Schaefer, Christa Hiller, Monika Seitz, Ulrich Scheel, Karl Heinz Scholl, Günter Göbler, Georg Kleudgen, Josef Baumann



Aus meinem Heimatkundeheft 1958/59
Das frühere Fach "Heimatkunde", das sich ohne spezielles Schulbuch hauptsächlich auf die Geografie und Natur der heimatlichen Region beschränkte, wurde Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts durch den propädeutischen, also vorwissenschaftlichen "Sachunterricht" ersetzt, wobei zeitgleich eine Fülle neuer Sachunterrichtsbücher herausgegeben wurden. An der Schule, an der ich 1971 meinen Dienst antrat, verwendeten wir das vom Format her handliche "Arbeitsbuch für den Sachunterricht in der Grundschule" (mit zugehörigem Arbeitsheft) des Diesterweg-Verlags, ein aus meiner Sicht ausgezeichnetes Lehrwerk zeitlosen Charakters, das heute noch verwendet werden könnte.
Beim neu ins Leben gerufenen Sachunterricht wurden jetzt in kindgemäßer Weise alle möglichen Sachthemen mit vielen Experimenten aufgegriffen, die der Vorbereitung der Sekundarstufen-Fächer (Biologie, Chemie, Erdkunde, Geschichte/Sozialkunde und Physik) dienten. Neben den bisherigen Themen zur Pflanzen- und Tierkunde wurden nun auch Themen wie Wind und Wetter / Thermometer, Sonne und Mond, gute und schlechte Wärmeleiter, spezifisches Gewicht, menschlicher Körper und Sexualkunde, Magnetismus und Stromkreis, Verkehrserziehung behandelt. Insgesamt gesehen waren es vier große Teilbereiche, die nach der sog. Spiraltheorie vom 2. - 4. Schuljahr schwierigkeitsmäßig gestaffelt wiederkehrten: biologischer Bereich, geografischer Bereich, geschichtlich-sozialkundlicher Bereich und physikalisch-technischer Bereich.

Arbeitsbuch für den Sachunterricht in der Grundschule

Fotos Wilfried Indinger


Wolfgang bei der Einschulung im Jahr 1956


Aus meinem Erdkunde-Heft 6. Schuljahr (1962)






Erdkunde-Unterricht bis ca. 1970


Prinzip vom Nahen zum Fernen

5. Schuljahr: Deutschland
6. Schuljahr: Europa
7. Schuljahr: Afrika, Atlantik, Amerika
8. Schuljahr: Asien, Australien, Ozeanien und Polargebiete
9./10. Schuljahr: Bevölkerung, Wirtschaft, Handel und Verkehr

Erdkunde-Unterricht ab 1970
Gleich im 5. Schuljahr globale Vorgehensweise,

die damit begründet wurde, dass durch vermehrte Mobilität und Urlaubsreisen sowie durch das Fernsehen das räumlich Nähe nicht mehr unbedingt das psychologisch Nahe sein muss

Rahmenthemen waren Kartografie (bereits ausgehend von ersten Weltraumaufnahmen), Am Meer, Im Hochgebirge, Kältegebiete und Trockenräume der Erde, Urwaldgebiete, Bodenschätze, Ballungsräume
Neben vielen zur Vertiefung des Unterrichtsstoffes anzufertigenden Skizzen wurde damals besonderer Wert auf topografisches Wissen gelegt. Zu jedem Land, das neu behandelt wurde, erfolgte nach dem Schema <Städte, Flüsse, höchste Erhebungen, Bodenschätze> eine entsprechende Auflistung.

Aus meinem Erdkundeheft 7. Schuljahr (1963)


Eine Seite aus meinem Biologie-Heft

Damals wurden noch Hefte in handlichem DIN-A5-Format verwendet!
Auch die meisten Schulbücher waren
in diesem Format gedruckt.

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