TEMPI PASSATI
Die Realschule Katzenelnbogen in der Anfangszeit


Um sich ein Bild von den damaligen Schulverhältnissen machen zu können, ist ein ergänzender Textbeitrag unentbehrlich. Zunächst muss gesagt werden, dass die baulichen Verhältnisse im Gebäude auf dem Römerberg gegenüber heutigem Standard äußerst bescheiden waren. Eine Turnhalle gab es ebenso wenig wie eine Aula. Sportunterricht oder festliche Veranstaltungen fanden in "Biehls Saal" statt, der noch mit Holz und Kohle beheizt, besser gesagt temperiert wurde. Das Lehrpersonal der Realschule bestand 1960 aus gerade einmal zwei Lehrern. Die Ausstattung mit Lehrmaterial war dürftig. Für den Chemie-Unterricht hatte jede(r) Schüler(in) ein Mini-Labor in Form eines mit den notwendigsten Utensilien gefüllten Schuhkartons für Schülerversuche in Partnerarbeit und sogar einen weißen Kittel.



Taschenrechner waren noch unbekannt. Man arbeitete noch mit dem Rechenschieber. An Computer, Videokameras, Smartphones, Beamer und Whiteboards dachte noch keiner. Das Wort "video" war allenfalls den Lateinern als "ich sehe" geläufig.


Der Rechenschieber (Rechenstab) "ARISTO SCHOLAR"

© Foto mit freundlicher Genehmigung von GEOtec

Die Schulbücher mit ihren wenigen monotonen Schwarz-Weiß-Bildern (Buntdruck hatte sich gerade erst angebahnt) waren nicht gerade motivierend, aber sie hatten die heute oft fehlende Systematik. Fortsetzungsgeschichten, Erzählkerne und Texte zum Leseverständnis im Deutschunterricht waren unbekannt. Im Englischunterricht gab es kein Listening- und Reading-Comprehension. Was aber sowohl im Deutsch- als auch im Englischunterricht gepflegt wurde, war die heute wegen mangelnder Eigenkreativität verpönte Nacherzählung (Retold). Bei ihr wurde aber immerhin das Gedächtnis trainiert. In den Englischbüchern fand sich am Ende jeder Lektion ein Übersetzungstext vom Deutschen ins Englische (Translation). Rechtschreibschwächen gab es nur in Einzelfällen, weil im Deutschunterricht wie auch im Fach Englisch genügend Diktate (Dictations) mit orthographisch nicht gerade einfachen Texten geschrieben wurden. Lehrpläne (Curricula) und Schulbücher wechselten nicht ständig; es ging kontinuierlicher zu.
Der Schulalltag war grau, was angeblich auch heute noch gelegentlich an Schulen vorkommen soll. Er begann morgens mit dem Aufstellen ("Antreten") auf dem Schulhof. Dabei achtete vor allem unser erster Klassenlehrer sehr darauf, dass alle genau ausgerichtet dastanden. Alles Gerede und jede Albernheit hatte nun ein Ende. Man sollte sich auf den beginnenden Unterricht konzentrieren. Eine kleine Gruppe von Schülern, zu denen auch ich gehörte, war nicht immer früh genug zum Aufstellen anwesend. Wir hörten die Schulklingel schon, als wir noch im sog. Oale (Fußweg zwischen Obertalstraße und Römerberg, siehe Foto) waren. Um einer Strafarbeit zu entgehen, hielten wir uns hinter dem Trafo-Häuschen versteckt, bis alle anderen ins Schulgebäude marschiert waren. Dann flitzten wir in geduckter Haltung an der Außenwand der Schule entlang zur Schultür, die bis zum Bau der Stadthalle weiter hinten war, und mischten uns -meist unbemerkt- unter das Gedränge der noch im Flur und Treppenhaus befindlichen Mitschüler. Das Abenteuer war gelungen.

De Oale (Katzenelnbogener Dialekt)
Beim "Oale" handelt es sich um die abkürzende Verbindung zwischen Römerberg und Obertalstraße.


Englisch, Biologie und Erdkunde

Nach Gebet und Verlesen der Tageslosung begann unser Klassenlehrer, bei dem wir auch Biologie und Erdkunde hatten, seinen ritualisierten Englischunterricht mit den Worten "Good morning, boys and girls!", worauf wir entgegnen mussten "Good morning, Sir". Nach dem "Sit down, please!" folgte die obligatorische Frage "Who is absent today?". Anschließend hörte man die Aufforderung "Open your books on page..., please!" Der eigentliche Unterricht konnte beginnen. Eine für ihn wichtige Frage bezüglich des Schülerverhaltens war die manchmal peinliche Frage "What are you laughing at?", die nicht selten eine häusliche Zusatzaufgabe zur Folge hatte. Aber Sonderaufgaben gab es auch in anderen Zusammenhängen. Ich erinnere mich noch gut an eine solche mit der Überschrift "Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land". Grund dafür war die Tatsache, dass ich nicht gegrüßt hatte. Eine Klassenkameradin erzählte mir noch kürzlich, dass sie vom damaligen ersten Schulleiter am nächsten Tag in der Schule darauf angesprochen wurde, dass sie ihn am Vortag zwar freundlich gegrüßt hätte, aber mit Händen in der Manteltasche, was nicht korrekt sei.
Im Biologie- wie auch im Erdkundeunterricht sorgte unser Klassenlehrer immer dreifach für Anschaulichkeit, nämlich durch Wort, Gestik und FWU-Medien (Dias und Unterrichtsfilme des "Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht").


FWU
Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht



Das alte FWU - Logo
Das FWU produzierte früher Dia-Reihen und Filme, stellte aber auch Schallplatten und Tonbänder zur Verfügung, die von den Landes-, Kreis- und Stadtbildstellen für jeweils 1 - 2 Wochen ausgeliehen werden konnten. Die verfügbaren Medien waren in dem jährlich erscheinenden Katalog "Film - Bild - Ton" nach Fächern aufgelistet. In den 50-er bis 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die Filme des FWU eine Art Kino in der Schule, die den ansonsten oft trocken verlaufenden Unterricht nachhaltig belebten. Die Schüler waren wie gierig nach solchen Vorführungen, die im verdunkelten Raum stattfanden, was die Assoziation mit dem Kino noch verstärkte. Hin und wieder kam es vor, dass ein Film riss, was die Freude etwas trübte. Waren es in den 50-er Jahren noch vorwiegend schwarz-weiße Filme (teilweise nur Stummfilme) kamen aber bald Farbproduktionen hinzu. Den größten Umfang (audio)visueller Medien gab es im Grundschulbereich für den Sachunterricht und im Sekundarbereich für die Fächer Biologie, Erdkunde und Geschichte. In der Grundschule besonders beliebte Filme waren "Quick, das Eichhörnchen" (1951) und die farbigen Pamfi-Stummfilme ("Pamfi auf der Landstraße", "Pamfi will über die Straße" u.a.) zur Verkehrserziehung, die das FWU in Zusammenarbeit mit der Deutschen Verkehrswacht produzierte.
Heute besteht das Angebot des FWU in DVDs und [interaktiven] Online-Medien.
© Fotos mit freundlicher Genehmigung von FWU

Pamfi will über die Straße
Pamfi an der Druckknopf-Ampel
© Friedrich Streich

Die alle um 1970 entstandenen Pamfi-Filme begeisterten die damaligen Grundschulkinder nicht nur, sie motivierten sie auch auf amüsante Weise, verkehrssicheres Verhalten zu erlernen und das dank der ansprechenden Trickfigur namens Pamfi. Heute würde man von kindgemäßem Infotainment sprechen.
Bei dem Film "Pamfi will über die Straße" versucht Pamfi zunächst vergeblich eine vielbefahrene Straße zu überqueren, um zu einem Eisverkäufer auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu kommen. Erst nachdem er gegen das Verkehrsschild mit dem Zebrastreifen gelaufen ist, kommt ihm die Erleuchtung, dass er am Zebrastreifen ungefährdet die Fahrbahn überqueren kann.
Sämtliche Pamfi-Filme stammen von dem talentierten Zeichentrickfilmer Friedrich Streich, der 1934 in Zürich geboren wurde und 2014 in München gestorben ist. Er hatte eine Ausbildung zum Dramaturgen und Regisseur und arbeitete zunächst als Schauspieler sowie als Karikaturist für verschiedene Zeitungen, ehe er sich ganz der Zeichentrickproduktion zuwandte. Besonders bekannt wurde er durch die Trickfilme für die Sendung mit der Maus, deren Bewegungen durch besondere Geräusche akustisch treffend untermalt wurden. Der Maus fügte er später noch einen kleinen blauen Elefanten und eine gelbe Ente hinzu.


Alle im Unterricht vorkommenden Fremdwörter -insbesondere die aus der lateinischen oder griechischen Sprache stammenden- wurden intensiv auf ihre deutsche Bedeutung hin analysiert, z.B. das griechische Wort "Gymnosperme" (gymnós = nackt, spérma = Same) botanischer Begriff für die Nacktsamer.
An seinen bereitgestellten Anschauungsobjekten mussten wir vorbei"defilieren". Vom Metzger bereitgestellte Ochsenaugen wurden "seziert". Die von ihm sehr geschätzten Skizzen, Umriss-Stempel und die aus dem Erdkundebuch abzuzeichnenden Blockbilder (z.B. Landschaftsquerschnitte) wurden "koloriert".

Westermanns Umriss-Stempel
Westermann-Umrisse 32 0215: Europa, 1:30 Mill.
Westermann-Umrisse 19901: Die Erde, Äquatorial-Maßstab 1:175 000 000
© Foto mit freundlicher Genehmigung des Schulbuchverlags Westermann


Namen von Mitschülern wurden latinisiert. Aus Karl-Heinz wurde beispielsweise Carolus Henricus. Im Biologie-Unterricht widmete er sich leidenschaftlich der Hydrokultur. Die Funktion des Herzmuskels versuchte er durch entsprechende Gestik und den Unterrichtsfilm "Das Klappenspiel des Ochsenherzens" darzustellen, was bei uns Schülern -für ihn unverständlich- nur Gekicher auslöste. Die störenden Schüler wurden dann zumindest durch den schrillen Zuruf "He, was fällt dir denn ein?" in ihrem Spaß gestört. Eine Inhaltsangabe zum Thema des Films bescherte mir die Vorführung des Streifens "Bei den Torfstechern im Teufelsmoor". Schuld an meiner Verhaltensauffälligkeit war aber nicht der Film als solcher, sondern nur das extrem schnelle Tempo (Zeitraffer), mit dem er vorgeführt wurde. Unser Klassenlehrer hatte seinem lateinischen Leitspruch "repetitio est mater studiorum" [Wiederholung ist die Mutter der Studien] treu bleibend wieder einmal so viel Zeit für die Wiederholung des Stoffes der vorhergegangenen Unterrichtsstunde benötigt, dass für die audiovisuelle Vertiefung nur noch wenige Minuten zur Verfügung standen. Den Zeitverlust verstand er aber geschickt zu kompensieren, indem eben der Film in rasantem Tempo vorgeführt wurde. Reichte die höchste Geschwindigkeit nicht aus, gab es ja noch die Pause, die -wie auch beim Diktat seitenlanger Merktexte- den erwünschten Ausgleich brachte. An die große Zeit der bequemen Hektographie mittels Matrize oder später der Fotokopie dachte man noch nicht. Einige Standardwörter, die den deutschsprachigen Unterricht bei ihm kennzeichneten, waren "papperlapapp" (wenn etwas falsch war) und "Ach, du liebe Zeit". Die spannendsten Stunden mit dem größten Nervenkitzel waren die Erdkunde- und Biologiestunden in den Wochen vor der Zeugnisausgabe; denn sie galten der Generalwiederholung, deren krönender Abschluss eine gesalzene Wiederholungsarbeit war, die den Stoff des ganzen Schuljahres umfasste und auf die wir uns zwei, drei Wochen lang tüchtig vorbereiteten. Der große Tag kam, die Arbeit wurde unter Aufbietung aller geistigen Kräfte geschrieben, doch ihre Rückgabe ließ auf sich warten. Es folgten viele Tage der inneren Unruhe, bis dann irgendwann das mit Spannung erwartete Ergebnis bekanntgegeben wurde. "So einen Quark habe ich noch nicht gesehen", war der entrüstete Lehrerkommentar. Fielen Arbeiten gar zu schlecht aus, verzögerte sich die Rückgabe immer mehr, bis sie eines Tages ganz in Vergessenheit geraten waren. Aber die gewünschte Wirkung -nämlich das häusliche Wiederholen- war voll erreicht.

Chemie, Mathematik, Physik - HARD TIMES (in Anlehnung an Charles Dickens)

Nach Englisch, Erdkunde und Biologie nun einen Blick in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Um diesen Bereich anschaulich schildern zu können, ist nur die Vergegenwärtigung eines Wochentags, nämlich des Donnerstags notwendig, der vor allem für die auf diesem Gebiet nicht so Begabten ein Tag des Grauens war. An jenem Wochentag hatten wir -stundenplanmäßig wenig sinnvoll- zwei Stunden Physik, zwei Stunden Mathematik und eine Stunde Chemie hintereinander mit unserem Mathematiklehrer. Der Tag musste nicht per se grausam werden; aber überwiegend war er leider so. Schon beim Antreten auf dem Schulhof kurz vor Unterrichtsbeginn konnten wir seine Tageslaune ablesen. Man tuschelte sich noch zu "Bestimmt hatte er daheim wieder Ärger!", und schon ging's hinein ins Schulgebäude. Wir waren bereits im Chemie-/Physikraum, als unser Mathematiklehrer -das obligatorische Taschentuch vor der Nase haltend (vermutlich wegen eines allergischen Schnupfens)- zackig die Tür öffnete und wieder schloss. Schon flog die auffallend dünne Mappe, die er bei sich trug, in hohem Bogen meterweit auf das Pult. Nach einem sehr knappen "Guten Morgen!" [hoffentlich wurde es einer] und "Setzen!" nahmen wir in Erwartung dessen, was kommen sollte, mit schlotternden Knien Platz. Fünfmal fünfundvierzig Minuten standen bevor - und die konnten lang werden! Zunächst wurde der aufgegebene Physikstoff abgefragt. Meist wurden zwei, drei Kandidaten gleichzeitig mündlich geprüft. Wusste der eine etwas nicht, war der zweite, ggf. der dritte an der Reihe. Kritisch wurde es, wenn alle drei nicht den Anforderungen genügten. Dann hieß es: "Setzen, fünf!" Andere wurden examiniert. Die ganze Klasse stand unter Hochspannung, bis ein(e) Schüler(in) in der Lage war, die erwartete Antwort zu geben. Dann war die Situation gerettet. Gelang dies aber nicht, stand uns nach einigen physikalischen Versuchen und dem Aufschreiben eines Merktextes noch ein impulsiver Mathematikunterricht bevor. Er begann natürlich wieder mit mündlichen Prüfungen. Konnte einer den Merksatz der Mathematikstunde vom Vortag nicht herunterschnurren, dann hatte er zur Einprägung das Vergnügen, ihn nachmittags etliche Male schreiben zu dürfen. Wurde es diesem Lehrer zu bunt, schrieben wir spontan eine Mathematikarbeit, die oft noch am gleichen Vormittag von ihm nachgesehen wurde. Es hieß nur: "Hefte raus und Mappen hoch (um das Abschreiben zu verhindern)!", und schon nach kurzer Zeit standen Aufgaben an der Tafel, die wir zu rechnen hatten. Beim Anfertigen geometrischer Zeichnungen wie auch bei anderen schriftlichen Aufgaben legte er gesteigerten Wert auf "vernünftige" Lineale, waren sie nicht seinen Vorstellungen entsprechend, flogen sie aus dem Fenster. In der zweiten Mathematikstunde sah er bereits die inzwischen abgelieferten Hefte nach, während wir mit einer anspruchsvollen Stillarbeit beschäftigt waren, die jedoch nicht immer still verlief, da sie hin und wieder durch verbale Randbemerkungen zu unseren abgegebenen Arbeiten unterbrochen wurde. Am Ende der zweiten Mathematikstunde erfuhren wir unsre "guten" Zensuren, und die Hausaufgabe war die Berichtigung, häufiger wahrscheinlich die Abschrift. In der fünften Stunde -der Chemiestunde- war dann das meiste Pulver verschossen. Der Blutdruck sank bei allen Beteiligten. Die sechste Stunde -bei mir Französisch- diente schließlich der völligen Entspannung.
Auch im Sportunterricht, den wir beim gleichen Lehrer hatten, wurden große Leistungen erwartet, sei es im Geräteturnen (damals noch in "Biehls Saal"), in Leichtathletik (auf dem Sportplatz am Marktplatz) oder im Schwimmen, das damals noch kein Breitensport wie heute war. Insofern standen auch viele von uns damaligen Schülern dem Wasser, das bekanntlich keine Balken hat, skeptisch gegenüber. Aber bei unserem Sportlehrer hatten in ziemlich kurzer Zeit die meisten das Schwimmen gelernt, wenn auch jegliche Motivation dazu fehlte. Ins Wasser zu springen wagten schließlich auch etliche und die, die sich noch nicht so recht trauten, wurden gesprungen, wenn Sie wissen, was damit gemeint ist*. So waren bald die meisten zumindest im Besitz eines Freischwimmerzeugnisses

*Vom Verb "springen" gibt es grammatikalisch gesehen keine Passiv-Form.

Deutsch, Geschichte und Sozialkunde

Nachdem wir nun von zwei Lehrkräften der Anfangszeit gehört haben, soll nun auch der dritte Lehrer, nämlich der für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde nicht vergessen werden, der sich aber gelegentlich auch auf musikalischem Feld betätigte. Sein Standardausdruck nach der morgendlichen Begrüßung war "Platzen!" (statt "Setzt euch!"). Sein Steckenpferd im Deutschunterricht waren Aufsätze, insbesondere die Erörterung (Argumentation). Wie eminent wichtig er Aufsätze nahm, zeigte sich vor allem an den ellenlangen rot geschriebenen Kommentaren, die unter allen Aufsätzen standen, um die Note zu begründen. Im Geschichtsunterricht machte er immer große Ausführungen; mit Akribie erklärte er die Hintergründe und unterschied bei historischen Ereignissen sehr genau zwischen Anlässen, Ursachen und Gründen. Diese Differenzierung fiel uns bei Geschichtsarbeiten besonders schwer. Nicht alle waren von dem, was er vorn hingebungsvoll von sich gab, fasziniert. Manche interessierten andere Dinge. So entsinne ich mich beispielsweise daran, dass einmal an seiner Jacke zwei Knöpfe verschiedenfarbig angenäht waren. Das war für einige eine willkommene Ablenkung. Zwei Mädchen machten sich mit der flüsternden Bemerkung "Mal sehen, wie lange er es aushält!" aus, dass das erste lange auf den einen, das zweite auf den anderen Knopf starren sollte, um den Pädagogen in Verlegenheit zu bringen. Aber eisern wie er war, zeigte er keine Regung, und die beiden Schülerinnen hatten sich vergeblich auf eine Explosion gefreut. Die Jungen vertrieben sich bei ihm gelegentlich die Zeit mit dem Zählen des von ihm so oft gebrauchten "Nun!" (u als kurzer Vokal). Es wurden Strichlisten geführt, und einmal ist dieses Wörtchen in einer Unterrichtsstunde wohl an die fünfzigmal gefallen. Nicht immer blieben wir bei solchen Aktionen geistiger Abwesenheit unertappt. Wurde ein Desinteressierter erwischt, gab es ein Kopfnüsschen oder ein Stundenprotokoll zur Belohnung.

Der Schulleiter

Er war - seiner körperlichen Konstitution entsprechend- im Allgemeinen ein ruhiger Vertreter, der oft sinnierend aus dem Fenster schaute, aber dabei gleichzeitig unterrichtete. Als Leiter des Posaunenchores der Kirchengemeinde Klingelbach interessierte er sich natürlich stark für kirchliche Fragen, weshalb er beim Betreten eines Katzenelnbogner Lokals einmal von einem furchtlosen Mitschüler in ironischer Weise mit "Herr Pfarrer" angeredet wurde. Der Jugendliche war offenbar weitsichtig, denn der Schulleiter verließ einige Zeit später die Schule, um in Darmstadt Oberkirchenrat zu werden. In der Adventszeit fragte er in seiner Klasse, welche Advents- und Weihnachtslieder die Schüler kennen würden. Rolf murmelte seinem Nachbarn zu: "Mein Hut der hat drei Ecken". Da der Rektor diese Äußerung mitbekommen hatte, gab es ein gewaltiges Donnerwetter hinsichtlich dieses blasphemischen Scherzes und eine Strafarbeit.
Ein anderes Mal waren nur die Mädchen der ersten an dieser Realschule bestehenden Klasse in ihrem Klassenraum. Aus Übermut hielten sie mit Hilfe einer aus mehreren Mädchen gebildeten Kette den vermeintlich draußen befindlichen Jungen die Klassenzimmertür von innen zu. An der äußeren Türklinke wurde geruckt und gezerrt. Aber auf einmal ließ das Rucken nach. Nur noch einmal zog einer am Drücker und die Schülerin Irmtraud rief: "Ihr könnt noch lange ziehen, ihr Arschlöcher!" Da das Zerren an der Tür plötzlich aufgehört hatte und es draußen verdächtig still wurde, meinte Irmtraud: "Die werden doch nicht den Rektor holen!" Zaghaft öffnete sie die Tür einen Spaltbreit. Und wer stand vor ihr? Nicht die Jungen, sondern der Schulleiter. Es folgten mehrere Entschuldigungen ihrerseits und der Rektor riet ihr, sich in Zukunft vorher zu vergewissern, wer vor der Tür sei. Das Ganze war also noch glimpflich ausgegangen.

Klassenfahrten - Erlebnisse besonderer Art

Von den Klassenfahrten, die wir während der sechsjährigen Realschulzeit machten, soll hier nur das Interessanteste dargestellt werden. Drei Fahrten werden in ewiger Erinnerung bleiben: die Fahrt Mainz - Worms - Speyer, die erste Englandfahrt der Realschule Katzenelnbogen und die Berlinfahrt.

Irgendwelchen Trouble gab's bei solchen Exkursionen immer. Beginnen wir mit der erstgenannten Fahrt.

Ostchor des Mainzer Doms St. Martin

Wir befanden uns im Bus, waren kurz vor unserem ersten Reiseziel "Mainz", und es ging recht lebhaft zu, was dem begleitenden Lehrpersonal nicht so gut gefiel. Plötzlich wurde Rainer nach vorn gerufen. Wir nahmen an, man wolle ihm etwas Besonderes sagen oder ihn etwas fragen, aber es kam anders. Es ging "patsch-patsch", und er durfte sich wieder hinten hinsetzen. Irmtraud fragte ihn in echtem Einricher Dialekt: "Woas hosst de da ibberhaapt gemoacht?" Rainers lapidare Antwort: "Waas ich's?" Irmtraud: "Da deet ich's doch soo." Rainer daraufhin: "Glaabst de, ich wellt noch aa geknallt hoo?" Offensichtlich hatte man den Falschen erwischt. Aber wie dem auch sei, die Fahrt ging weiter. Wir sahen uns die Sehenswürdigkeiten von Mainz an und erreichten irgendwann Worms, wo wir in der Jugendherberge übernachteten. Hier wurde unser Deutschlehrer einer Belastungsprobe unterzogen. Einige Schüler hatten sich einen Spaß daraus gemacht, heimlich die Ärmel seines Schlafanzugs zu verknoten, und er hatte am späten Abend Mühe sie auseinanderzuknoten. Nach der Besichtigung des Wormser Doms und anderer kultureller Stätten führte uns die Reise nach Speyer, wo wir erneut einen Dom bewundern durften. Von den vielen Eindrücken ermüdet, teils aufgekratzt traten wir bald die Rückfahrt an, die vermutlich auch nicht ohne Ausschreitungen verlief.

Foto der ersten zwei Realschulklassen vor der Wormser Jugendherberge


Die erste Englandfahrt, die die Realschule Katzenelnbogen vom 20. 7. bis 30. 7. 1964 durchführte, war für uns in mancherlei Hinsicht erlebnisreich, nicht nur kulturell. Nach vier Tagen London-Aufenthalt kamen wir in Roade an, wo wir in der Secondary School untergebracht waren. Da wir deutschen Schüler bei den Engländern einen guten Eindruck hinterlassen sollten, achteten die uns begleitenden Lehrer auf fast militärisch strenge Disziplin und auf Höflichkeit. Irmtraud als Klassensprecherin musste sich immer wieder formvollendet bei den Engländern im Namen der Klasse bedanken, was sie "gerne" tat. Zum Ritual gehörte auch der morgendliche Frühsport mit anschließendem Duschen. Danach wurde gefrühstückt, um dann gut gestärkt in geschlossener Formation Besichtigungen durchzuführen. Einen freien Ausgang gab es nicht. Nach den "social evenings" -gelegentlich unter Einbezug der kleinen Katzenelnbogener Flötengruppe- war dann für alle Bettruhe angeordnet, und das Licht wurde ausgeschaltet. Damit nun die Schüler nicht noch im Dunkeln Unfug trieben, wurde der zuverlässige Deutschlehrer auf Patrouillengang geschickt. Als guter Detektiv spähte er überall herum, um zu kontrollieren, ob sich nicht doch noch irgendwo etwas regte oder bewegte. Einmal hatte er Glück und entdeckte im Jungen-Schlafsaal welche, die noch im Dunkeln mit Hilfe von Taschenlampen aktiv waren. Einige hatten für "Notfälle" Dosenbier unter den Betten versteckt gehalten. Diese "Asozialen" wurden mit der Strafarbeit "Disziplin in der Gemeinschaft" belohnt. An einem anderen Tag gab Klaus-Peter etwas von den Englischkenntnissen unseres Deutschlehrers zum Besten. Lauthals gab er von sich: "Beim Kaffee seet der immer "coffee black". Er hatte nicht bemerkt, dass besagter Lehrer inzwischen den Raum betreten hatte. Dieser war gerade guter Laune und meinte nur: "Gleich geht's bei dir "peng black"." Man könnte noch manches von dieser Reise erzählen, aber ich will mich mit dem Schildern einer Situation im Kölner Bahnhof bei einem Zwischenaufenthalt auf der Rückfahrt begnügen. Alle standen dicht gedrängt, hungrig und durstig da und wollten einen Imbiss zu sich nehmen. Rainer rief deutlich vernehmbar über die Theke rüber: "Eine Heiße, bitte!" Prompt hatte er sie, und zwar noch vor unserem Schulleiter, der über Rainers Impertinenz, nicht dem Rektor den Vortritt zu lassen, empört war und dies auch in Worten zum Ausdruck brachte.

Übernachtung in einer Londoner Jugendherberge
Sightseeing-MUST BE: Big Ben
Buckingham Palace
Geburtshaus Shakespeares in Stratford-upon-Avon

Von der Abschlussfahrt nach Berlin ist uns noch ein Ereignis in lebendiger Erinnerung, nämlich der Verlust zweier Schüler im Frankfurter Hauptbahnhof.
Wir befanden uns schon alle auf der Rückfahrt von Frankfurt nach Wiesbaden, als unsere Lehrer plötzlich feststellten, dass zwei Schüler in Frankfurt geblieben sein mussten. Eine große Panik setzte ein. Dieter und Wolfgang H., die beiden Vermissten, waren in Frankfurt guten Glaubens gewesen, es handele sich um den Wiesbadener Bahnhof, weshalb sie sich dort nach draußen begeben hatten, um vor dem Bahnhof in den für uns bereitgestellten Bus einzusteigen. Als sie draußen waren, bemerkten sie, dass sie sich getäuscht hatten und eilten an den Bahnsteig zurück, aber der Zug war bereits abgefahren. Weltgewandt wie sie waren, nahmen sie den nächsten Zug nach Wiesbaden, der einige Zeit später fuhr. Zufälligerweise waren Dieters Eltern an diesem Tag im Wiesbadener Theater und konnten, nachdem sie verständigt waren, die beiden mit nach Katzenelnbogen nehmen. Dort angekommen machten sich die zwei gleich auf den Weg, um sich noch zu später Stunde bei unserem Deutschlehrer für ihr Zurückbleiben zu entschuldigen. Er soll nur erwidert haben: "Das wird noch ein böses Ende nehmen." Ganz unrecht hatte er nicht; das Ereignis kam einem mittleren Erdbeben im Einrich gleich. Es folgten lange Verhöre in der Schule, und das Thema wurde noch lange als Anknüpfungspunkt benutzt.
Eine kleinere eintägige Fahrt kommt mir gerade noch in den Sinn - die Exkursion zum Kloster Eberbach. Der Führer des Klosters hielt seinen Vortrag in einem wirklich monoton leiernden Tonfall, was bei uns eine heitere Stimmung hervorrief, die sich in Kichern äußerte. Diese Unbeherrschtheit gefiel unseren Pädagogen absolut nicht. Konsequenz war eine Strafarbeit über die Ernsthaftigkeit eines Klosterbesuchs.


Schlussbemerkungen

Wie sehr sich die Zeiten im Vergleich zu den 60-er Jahren allgemein und schulisch gesehen verändert haben, weiß jeder. Auf die seinerzeit ausgesprochen autoritäre Erziehung folgte die antiautoritäre Welle, die in der Zwischenzeit zumindest teilweise wieder rückgängig gemacht wurde. Die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte. A.S. Neill (erster Schulleiter des engl. Internats Summerhill), auf den sich die antiautoritären Erzieher beriefen, hat selbst betont, dass Freiheit nicht mit Zügellosigkeit verwechselt werden dürfe. Ohne ein gewisses Maß an Disziplin ist Unterricht nicht möglich. Aber die Disziplinierungsmaßnahmen und der Unterrichtsstil dürfen nicht in eine kontraproduktive Furchtpädagogik umschlagen, bei der das Lernen nur mit ständigem Druck und Drill vonstattengeht, weil in diesem Fall jegliche Motivation etwas zu lernen auf der Strecke bleibt. Die 1959 gegründete Realschule Katzenelnbogen musste sich in der Anfangszeit gegenüber den umliegenden Realschulen profilieren, um dauerhaft bestehen zu können. Das ist ihr auch gelungen. Aber die Freude am naturwissenschaftlichen Unterricht (Mathematik, Physik, Chemie) und Sport ist durch die Art und Weise wie der Unterricht ablief, nämlich mit ständiger Angst etwas falsch zu machen und entsprechend bestraft bzw. benotet zu werden, bei den meisten Schülern dauerhaft verloren gegangen.

Aus meinem Heimatkundeheft 1958/59

Das frühere Fach "Heimatkunde", das sich ohne spezielles Schulbuch hauptsächlich auf die Geografie und Natur der heimatlichen Region beschränkte, wurde Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts durch den propädeutischen, also vorwissenschaftlichen "Sachunterricht" ersetzt, wobei zeitgleich eine Fülle neuer Sachunterrichtsbücher herausgegeben wurden. An der Schule, an der ich 1971 meinen Dienst antrat, verwendeten wir das vom Format her handliche "Arbeitsbuch für den Sachunterricht in der Grundschule" (mit zugehörigem Arbeitsheft) des Diesterweg-Verlags, ein aus meiner Sicht ausgezeichnetes Lehrwerk zeitlosen Charakters, das heute noch verwendet werden könnte.
Beim neu ins Leben gerufenen Sachunterricht wurden jetzt in kindgemäßer Weise alle möglichen Sachthemen mit vielen Experimenten aufgegriffen, die der Vorbereitung der Sekundarstufen-Fächer (Biologie, Chemie, Erdkunde, Geschichte/Sozialkunde und Physik) dienten. Neben den bisherigen Themen zur Pflanzen- und Tierkunde wurden nun auch Themen wie Wind und Wetter / Thermometer, Sonne und Mond, gute und schlechte Wärmeleiter, spezifisches Gewicht, menschlicher Körper und Sexualkunde, Magnetismus und Stromkreis, Verkehrserziehung behandelt. Insgesamt gesehen waren es vier große Teilbereiche, die nach der sog. Spiraltheorie vom 2. - 4. Schuljahr schwierigkeitsmäßig gestaffelt wiederkehrten: biologischer Bereich, geografischer Bereich, geschichtlich-sozialkundlicher Bereich und physikalisch-technischer Bereich.

Arbeitsbuch für den Sachunterricht in der Grundschule

Fotos Wilfried Indinger



Aus meinem Erdkunde-Heft 6. Schuljahr (1962)






Erdkunde-Unterricht bis ca. 1970


Prinzip vom Nahen zum Fernen

5. Schuljahr: Deutschland
6. Schuljahr: Europa
7. Schuljahr: Afrika, Atlantik, Amerika
8. Schuljahr: Asien, Australien, Ozeanien und Polargebiete
9./10. Schuljahr: Bevölkerung, Wirtschaft, Handel und Verkehr

Erdkunde-Unterricht ab 1970
Gleich im 5. Schuljahr globale Vorgehensweise,

die damit begründet wurde, dass durch vermehrte Mobilität und Urlaubsreisen sowie durch das Fernsehen das räumlich Nahe nicht mehr unbedingt das psychologisch Nahe sein muss

Rahmenthemen waren Kartografie (bereits ausgehend von ersten Weltraumaufnahmen), Am Meer, Im Hochgebirge, Kältegebiete und Trockenräume der Erde, Urwaldgebiete, Bodenschätze, Ballungsräume
Neben vielen zur Vertiefung des Unterrichtsstoffes anzufertigenden Skizzen wurde damals besonderer Wert auf topografisches Wissen gelegt. Zu jedem Land, das neu behandelt wurde, erfolgte nach dem Schema <Städte, Flüsse, höchste Erhebungen, Bodenschätze> eine entsprechende Auflistung.

Aus meinem Erdkundeheft 7. Schuljahr (1963)


Eine Seite aus meinem Biologie-Heft

Damals wurden noch Hefte in handlichem DIN-A5-Format verwendet!
Auch die meisten Schulbücher waren
in diesem Format gedruckt.

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